Dezember 2017: Eine weihnachtliche Geschichte

Foto: Leonard Bonkas

Das Licht von Bettina Bonkas – auf Deutsch

Angespannt saß Steph vor dem Computer. Schnell noch die letzten Eingaben, bevor sie zur Bahn hetzen würde. Sie war schon wieder richtig spät dran, aber diesen einen Satz musste sie noch unbedingt fertig tippen. Perfekt! Jetzt noch speichern und dann würde sie den ganzen Weg zur Bahn joggen. Nicht gerade das, worauf sie jetzt Lust hatte, aber wie sagte ihre beste Freundin Maja immer so schön: „Du musst mehr Sport treiben, meine Süße!“ 10 Minuten zur Bahn joggen kam Sportmachen gleich, das musste genügen.

Steph wechselte schnell in ihre Winterschuhe, schnappte sich ihre Tasche und rannte zur S-Bahn. Diese kam schon eingefahren, als sie zum Bahnsteig kam. Schnell noch die Treppen hoch sprinten und rein in die Bahn. Sie quetschte sich zu den Massen von Bahnreisenden, aber das war ihr egal, Hauptsache, sie hatte den Zug bekommen. Ansonsten hätte sie eine dreiviertel Stunde auf ihren Anschlusszug warten müssen, nicht gerade ein Vergnügen bei der Kälte und auf dem zugigen Bahnsteig. Die Bahn fuhr an, als ihr einfiel, dass sie ja ihre Mutter besuchen wollte. Dazu hätte sie in eine andere Bahn einsteigen müssen. Ständig diese blöde Hetzerei, da gingen immer wieder Dinge unter. Schöner Mist! Der Besuch bei ihrer Mutter war schon längst überfällig.

Sie war eine reizende ältere Dame, die bewundernswert ihren Alltag mit 87 Jahren stemmte. Von ihren Freunden hörte sie da ganz andere Mütter-Storys: von Erwartungshaltungen, indirekten Vorwürfen – bloß nicht Dinge direkt beim Namen nennen, Beleidigtsein und weiß der Geier noch was alles. Grauselig! Steph war froh um ihre Mama. Klar stritten die beiden sich auch, aber auf ihre Mutter ließ Steph nichts kommen. Vielleicht hatten die beiden auch so eine enge Beziehung, weil ihr Vater die Familie schon früh verlassen hatte.

Am Anfang, als Steph noch klein war, hatte sie ihn immer wieder gesehen und er hatte viel Zeit mit ihr verbracht, aber schließlich hatte er eine neue Familie gegründet und seine Tochter aus der ersten Beziehung nach und nach aus seinem Leben verbannt. Das tat richtig weh, verdammt weh sogar, aber sie hatte gelernt, damit zu leben und heute vermisste sie ihren Vater nicht mehr. Hey, warum hatte sie jetzt solche blöden Gedanken? Ach stimmt, Auslöser war die falsche Bahn. Aber vielleicht war es gar nicht so schlecht, dass sie jetzt nach Hause fuhr, denn es fing an zu schneien und da kam der Bahnverkehr erfahrungsgemäß sowieso zum Erliegen. Sie würde ihre Mama später anrufen und einen anderen Tag vereinbaren.

Noch zwei Haltestelle, dann konnte sie endlich aussteigen und in ihre Bahn nach Hause wechseln. Diese würde zum Glück leerer sein. An der Haltestelle wurde Steph zusammen mit den anderen Reisenden aus der Bahn gespült und zusammen mit den anderen Reisenden lief sie die Treppe hinunter. Sie lief die Unterführung entlang und die Treppe wieder hoch zum anderen Bahngleis. In 15 Minuten würde ihre Bahn kommen, noch genügend Zeit, sich schnell einen wärmenden Cappuccino zu holen. Sie ließ sich ihren Coffee to go Becher befüllen und lief zurück zum Bahnsteig. Ihr Zug fuhr mit 7 Minuten Verspätung ein. Dankbar ließ sich Steph in einen Sitz fallen. Eigentlich hätte sie alles darum gegeben, jetzt einfach nur ihre Augen zu schließen und zu dösen, aber sie musste unbedingt noch ein paar Mails durchgehen. Sie klappte ihren Laptop auf und fing an zu lesen.

Ihre Gedanken schweiften immer wieder ab, sie hatte Probleme sich zu konzentrieren. Irgendwie, schleichend, war alles immer mehr geworden: die Arbeit, die Verantwortung für Mama, auch wenn diese für ihr Alter noch sehr fit war, so sah und hörte sie doch sehr schlecht und konnte Briefe nicht mehr alleine lesen, geschweige denn selbst schreiben. Ja, und dann war da natürlich auch noch die Verantwortung für Yanik, ihren Sohn. Auch wenn er schon 17 Jahre alt war und übernächstes Jahr sein Abi machen würde, so brauchte er sie natürlich, auch jetzt noch.  Noch immer war er sich nicht darüber im Klaren, was er nach der Schule machen wollte. Ihre Mutter sah das entspannt, aber Steph machte sich so ihre Sorgen. Eine gute Ausbildung, am besten in Form eines Studiums war heutzutage wichtiger denn je. Sie würde ihn zu Hause daran erinnern, schnellstmöglich einen Termin für ein Beratungsgespräch bei der Agentur für Arbeit auszumachen. Von seinem Vater war Steph schon lange getrennt, da war Yanik noch im Kindergarten. Ralph und sie teilten sich beide das Sorgerecht und es funktionierte in den meisten Fällen angenehm problemlos.

Wenn sie jetzt so an Ralph dachte, fiel ihr auf, dass er in der letzten Zeit etwas blass und unkonzentriert wirkte; sie hoffte, dass alles in Ordnung mit ihm war. Auch wenn sie schon lange getrennt waren, verband beide doch noch eine sehr freundschaftliche Beziehung und Steph erinnerte sich noch sehr lebhaft daran, wie seine Krebserkrankung vor fünf Jahren sie belastet hatte. Wenn sie sich richtig erinnerte, hatte er damals ähnliche Symptome: Blässe, Müdigkeit, fehlende Konzentration. Sie würde ihn bitten, schnellstmöglich zum Arzt zu gehen. Ach, immer gab es irgendetwas worüber sie sich Gedanken machte. Hörte das denn nie auf? Im Gegenteil, es schien immer nur schlimmer zu werden und sie fand es zunehmend schwieriger zu entspannen. Steph merkte, wie ihre Gedanken immer trüber wurden.

Ihr Blick schweifte ab, sie schaute gedankenverloren in den verschneiten Winterwald. Früher, als Kind, ging sie gerne mit ihrem Vater im Wald spazieren. Er erzählte ihr dann immer Geschichten und sie war lange fest davon überzeugt, dass im Wald Feen, Elfen und Wichtel lebten. Als Kind hatte sie sich immer vorgestellt, dass sie im Winter in Bauten unter der Erde wohnten, die sie sich gemütlich eingerichtet hatten mit Fellen als Kuschelzonen, mit Hölzern aus dem Wald, aus denen sie Sitzgelegenheiten und Tische zimmerten und Tannenzapfen, Nüsse und Wurzeln, mit denen sie wunderschöne Dekorationen zauberten.

Können Sie sie auch sehen?“ hörte sie plötzlich eine Stimme fragen. Im Nu war Steph wieder mit ihren Gedanken in der Bahn. Sie drehte sich zur Seite und sah einen Mann, der sie direkt ansah. Er war vielleicht um die vierzig, hatte blonde längere Haare, die seitlich aus seiner braunen Wollmütze hervorschauten, einen Bart, so eine Mischung aus Voll- und keinem Vollbart, grüne Augen, Lachfalten und einen freundlichen Gesichtsausdruck.

Ich habe Sie schon beobachtet eine Weile.“ Er sprach mit einem leichten Akzent, den Steph nicht einordnen konnte. „Sie sehen aus sorgenvoll, aber wenn Sie in den Wald schauen, Ihre Gesichtszüge sind entspannt. Auf Island wachsen wir auf mit Elfen und Trollen. Keine Ahnung, ob sie existieren wirklich, aber sie geben mir ein gutes Gefühl. Die Natur ist ganz wichtig für uns Isländer. Sie ist mächtig und magisch. Wir Menschen können nicht erklären alles. Aber das ist nicht wichtig. In Schönheit liegt Magie. Und Magie macht unser Leben reicher und leichter. Nehmen Sie sich Zeit, wieder das Schöne zu lassen in Ihr Leben und vertrauen Sie“, fügte er hinzu. Der Mann schaute Steph direkt an. „Passen Sie auf auf sich. So, ich muss jetzt aussteigen.“ Und mit diesen Worten verschwand Stephs Sitznachbar in Richtung Ausstieg. An der Tür drehte er sich noch einmal zu ihr um und lächelte sie an, bevor er raus in den Schnee verschwand.

In ein paar Minuten hatte es dieser fremde Mann nur mit seiner Präsenz und seinen Worten geschafft, Steph ein Gefühl von innerer Ruhe und Geborgenheit zu geben. Sie beschloss spontan, eine Haltestelle früher auszusteigen und durch den Wald nach Hause zu laufen. Sie hatte LED-Kerzen für ihre Mutter gekauft, für deren neuen Adventskranz, nachdem diese ihren alten letztes Jahr angefackelt hatte. Eine andere Sache, die ihr Sorgen bereitete. Aber jetzt würde Steph  erst einmal eine Kerze von ihrer Mutter anzünden und mit einem Licht durch den verschneiten Winterwald nach Hause gehen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine wunderschöne Weihnachtszeit, Zeit, diese ganz eigene Magie dieser besonderen Zeit zu entdecken, Zeit für das Schöne, ein Licht, das Ihnen Vertrauen schenkt und die Nähe von Menschen, die Ihnen guttun.

 

The light by Bettina Bonkas – in English

Steph was sitting in front of her computer, she was rather stressed. Quickly the last entries before she would rush to get her train. She was really late again but she had to finish typing that last sentence. Perfect! Now, saving her file and then she would jog to the train station. Not exactly what she fancied doing now but what did her best friend Maja kept saying: “You have to do sport, darling!” 10 minutes jogging to the train station was sport, that had to do.

In a hurry, Steph changed into her winter boots before she grabbed her bag and ran to the tube station. The train was already approaching the station when she came to the platform. So, quickly she jumped up the stairs and into the train. She squeezed herself into the tube which was packed with people. It didn’t matter, the main thing was that she had got her train. Otherwise she would have had to wait three quarters of an hour for her connecting train, not really a pleasure in the cold and with the draught on the platform. The train was starting when she remembered with a start that she had planned to see her mum. That meant she should be on a different train. She was always in a hurry and as a consequence things simply slipped her mind with all the stuff she had on her mind. Damn it! Visiting her mum again was more than overdue.

She was a lovely elderly lady of 87 who managed her everyday life in a most admiring way. The “mother-stories” she heard from her friends were completely different: from high expectations to indirect criticism – subliminal remarks, you had to read between the lines and so difficult to deal with, being offended and Lord only knows what else. Terrible! Steph was really glad about her mum. Sure, they had arguments too but Steph loved her mum dearly. Their relationship might have been so strong because her father had left the family long ago.

In the beginning, when Steph was still little, she had seen him regularly and he had spent a lot of time with her until he had started a new family. He then let his daughter from his first marriage disappear more and more out of his life. That hurt, it damn hurt but she had learnt to live with it and now she didn’t miss him anymore. Hey, why did she have those stupid thoughts now? Ah, she remembered, she was on the wrong train. But maybe that wasn’t too bad really as it had started to snow and the trains would grind to a halt, she knew that from experience. She would call her mum later and arrange to meet another day.

Another two stations and then, finally, she could get off and change into her train home. Fortunately that one would be emptier. At the station, together with her fellow passengers, Steph was pushed out of the train and together with her fellow passengers she went down the stairs. She went along the underground crossing and the stairs up to the platform. Her train would come in 15 minutes, enough time for a nice steaming cappuccino. She had her coffee-to-go-cup filled up and went back to the platform. Her train arrived with a seven-minute delay. Grateful for a seat Steph sat down. She was longing to just close her eyes and take a nap but she had to go through some e-mails. She opened her laptop and started reading.

Her thoughts drifted away, she struggled to concentrate. Somehow, gradually really, everything had become more: work, the responsibility of her mum, even though she was really fit for her age, her eyesight and hearing were really poor and she couldn’t read letters on her own, let alone write any. And then, she was of course responsible for Yanik, her son. Even if he was already 17 and would take his A levels next year, he still needed her. He still had no idea what he wanted to do after school. Her mum was relaxed about it but Steph was worried. Good training, ideally with a college degree, was more important than ever. She would remind him to get an appointment at the job agency for counseling ASAP. Steph had been separated from Yanik’s father for a long time, he was still in kindergarten at the time. Ralph and she shared custody for him and it worked pleasantly well in most cases.

When she thought of Ralph, she realized that he seemed a bit pale and lacking concentration recently; she hoped that everything was OK with him. Even though they had been separated for a long time, they had remained friends and she remembered vividly how distressful she had experienced his cancer disease five years ago. If she remembered correctly, he had similar symptoms back then: paleness, tiredness, lack of concentration. She would ask him to go to the doctor’s immediately. There was always something to worry about. Would that never end? On the contrary, it seemed to get worse and she found it increasingly difficult to relax. Steph, noticed that she was becoming really gloomy.

Her eyes started to wander and caught in thoughts she looked into the snowy winter forest. In former times, when she was a child, she really enjoyed going into the forest with her dad. He would tell her stories and for a long time she was convinced that fairies, elves and trolls lived in the forest. As a child she had always imagined that they lived in caves under the earth which they had equipped comfily with fur as cuddling zones, seats and tables made from wood, and with nuts and roots from which they had conjured up beautiful decorations.

Can you see them, too?”, she heard a voice next to her all of a sudden. In no time Steph was back in the train with her thoughts. She turned to the side and saw a man who was looking at her. He was a man of around forty, he had long blond hair which looked out of the sides of his brown woolen hat, a beard, a mix between a full beard and not a full beard, green eyes, laughter lines and a friendly expression.

I’ve been watching you for a while.” He spoke with a slight accent which Steph couldn’t place. “You look worried but when you look into the forest, your face is relaxed. On Island we grow up with elves and trolls. No idea if they exist really but they give me a good feeling. Nature is very important for us islanders. She is magic and powerful. We humans can’t explain everything. But that isn’t important. There’s magic in beauty and magic makes our life richer and lighter. Take your time to let beauty into your life again and have faith”, he added. The man looked at her directly. “Look after yourself. So, I have to get off now.” And with these words Steph’s seatmate disappeared in the direction of the exit. At the door he turned around to her and smiled at her before he finally disappeared out into the snow.

Only in a few minutes, this stranger had succeeded by his sheer presence and with his words that Steph had a feeling of peace of mind and a feeling of security. She decided spontaneously to get off one station earlier and to walk home through the forest. She had bought LED-candles for her mum, for her new Advent wreath after her mum had set fire to her old one last year. Another thing to worry about. But now Steph would light one of her mum’s candles and would go home through the snowy winter wonderland with a shining light on.

In this spirit I wish you a most wonderful Christmas time, time to discover the very own magic and beauty of this time, a light which gives you faith and people around you who do you good.