Juni 2014: Short story: A bottle of olive oil – Kurzgeschichte: Die Flasche Olivenöl

Manche Eltern möchte man nicht haben und manche Söhne werden nie erwachsen oder doch? Lest selbst.

A bottle of olive oil by Bettina Bonkas

He put the bottle of olive oil carefully on the little table by the door. He wouldn’t use that oil. Never. A present from her! “For my piano teacher Norbert“, she had said. She seemed to like him. Again and again he slid his fingers over the keyboard of the piano. She had just sat here and practiced the tone scale with her long, slender fingers. He inhaled her scent which still filled the room softly. He felt the warmth of the stool on which she had sat a couple of minutes earlier.

Before, he had stood by the window and watched her as she had walked down the pedestrian zone with flying steps. So much beauty and grace. She looked like an angel with her long, silky, blond hair. She had just turned 18. He had given her a rose made of marzipan for her birthday. 18. He remembered when he had his 18th birthday. That was 10 years ago. How much he was enjoying the piano lessons with her. If she would just leave something behind. Then he would have a reason for taking it home to her. He knew where she lived, he had followed her home once, very secretly. That was why he knew that she didn’t live far away from him. …

“Norbert, Nooorbert!” The door was flung open with a jerk. His mother stood in the door frame and filled it completely with her corpulence and height. In one hand she had a shopping bag, in her other hand she was holding a cake. She panted from the effort of coming up the stairs to the second floor and breathed heavily. Now she was towering in the door frame, no way could he get past her.

“She’s been here again! Mrs Müller from the ground floor saw her through the curtains. I told you that I don’t want to see her here anymore.” She panted. She was still out of breath. „Those young girls dress sexy, shake their hips to make decent boys like you crazy. You don’t know how cunning they are. You shouldn’t waste your talent with piano lessons for girls like her. You should give concerts, people have to hear you …

His thoughts drifted away. He wasn’t listening anymore. How different he was from his mother. He was, in contrast to her, gangly, to put it nicely, and slender. He was interested in music, art and literature. His mum read the The Sun which she got from neighbours and gossiped with the same. No wonder his father had made his escape. One day, when he had enough money, he would move from his mother’s flat and leave her. Then she couldn’t meddle with his life anymore. Then … “If this tart comes here one more time, I’ll go to her parents. I know where she lives …

He froze. All of a sudden he felt a sudden surge of anger rising inside him. His hands gripped the piano and he felt how his chest tensed. Later he would remember that he towered her by half a head length and that his view fell on the bottle of olive oil on the small table. The last thing he had in his mind’s eye were his mother’s eyes which had been wide open.

Outside, on the pedestrian zone, Norbert took a deep breath. He felt so much more alive and, most of all, relieved of a massive burden. He had done it.

The windows of the flat in the second floor where he lived with his mother caught his eyes. Norbert felt a twitching of the muscles around his mouth. He became aware how this twitching became more and more urgent until he couldn’t hold it anymore. He burst out into uncontrollable, roaring laughter. A young couple, both pierced and tattooed, looked at him. Then they both looked up to the second floor and burst out laughing too. There was his mother, at the window. Her face and her hair smeared with cake, her mouth wide open to nag. She looked so ridiculous.

All of a sudden he knew what to do. He went to his buddy Marvin. He would ask him if he could stay with him temporarily. Norbert only had his bottle of olive oil with him. He didn’t need anything else.

Die Flasche Olivenöl von Bettina Bonkas

Er stellte die Flasche Olivenöl ganz vorsichtig auf das kleine Tischchen bei der Tür. Er würde dieses Öl nicht benutzen. Niemals. Ein Geschenk von ihr! „Für meinen Klavierlehrer Norbert“, hatte sie gesagt. Sie schien ihn zu mögen. Immer wieder strich er über die Tastatur des Klaviers. Hier hatte sie eben noch gesessen und mit ihren langen, zarten Fingern die Tonleiter geübt. Er atmete ihren Duft ein, der immer noch zart im Raum hing. Er spürte die Wärme des Stuhles, den sie vor ein paar Minuten noch in Besitz genommen hatte. Zuvor hatte er am Fenster gestanden und ihr hinterher geschaut, als sie die Fußgängerzone mit schwebenden Schritten hinunter lief. So viel Anmut, solch eine Grazie. Wie ein Engel sah sie aus mit ihren langen, blonden, seidigen Haaren. Sie war gerade 18 Jahre alt geworden. Er hatte ihr zu ihrem Geburtstag eine Rose aus Marzipan geschenkt. 18. Er erinnerte sich an seinen 18. Geburtstag. Das war jetzt 10 Jahre her. Wie sehr er die Klavierstunden mit ihr genoss. Wenn sie doch bloß mal etwas bei ihm vergessen würde. Dann hätte er einen Grund, es ihr nach Hause zu bringen. Er war ihr nämlich einmal, ganz heimlich, gefolgt. So wusste er, dass sie nicht weit entfernt von ihm wohnte…

„Norbert, Nooorbert!“ Die Tür wurde mit einem Schwung aufgerissen. Seine Mutter stand im Türrahmen und füllte ihn mit ihrer Leibesfülle und Größe voll aus. In einer Hand hatte sie eine Einkaufstasche, in der anderen hielt sie eine Torte. Sie keuchte und ihr Atem ging schwer. Sie war gerade die zwei Stockwerke zu ihrer Wohnung hoch gelaufen. Nun hatte sie sich im Türrahmen aufgebaut, unmöglich, an ihr vorbeizukommen. „Sie war schon wieder hier! Die Frau Müller aus dem Parterre hat sie durch ihre Gardine gesehen. Ich hab dir doch gesagt, dass ich dieses Ding hier nicht mehr sehen will.“ Sie keuchte. Sie war noch immer ganz außer Atem. „Diese Dinger ziehen sich doch aufreizend an, wackeln ein bisschen mit den Hüften, um solche anständigen Jungs wie dich verrückt zu machen. Du weißt doch gar nicht, wie raffiniert die sind. Du mit deinem Talent solltest deine Zeit nicht mit Klavierunterricht für solche Dinger verschwenden. Du solltest Konzerte geben, die Leute müssen dich hören ….“

Seine Gedanken trifteten ab. Er hörte ihr nicht mehr zu. Wie wenig er doch von seiner Mutter hatte. Er war, im Gegensatz zu ihr, schlaksig, um es nett auszudrücken, und feingliedrig. Er interessierte sich für Musik, Kunst und Literatur. Seine Mutter las die Bild Zeitung, die sie von Nachbarn bekam, und tratschte mit eben diesen. Kein Wunder, dass sein Vater sich aus dem Staub gemacht hatte. Eines Tages, wenn er genügend Geld verdiente, würde er endlich aus der Wohnung seiner Mutter ausziehen. Dann könnte sie sich nicht mehr in sein Leben einmischen. Dann … „Wenn dieses Flittchen noch einmal hierher kommt, dann gehe ich zu ihren Eltern. Ich weiß, wo sie wohnt….

Er erstarrte. Er spürte mit einem Mal eine unbändige Wut in sich aufsteigen. Seine Hände verkrampften sich über dem Klavier und er spürte, wie sich sein Brustkorb anspannte. Später erinnerte er sich noch, dass er seine Mutter um eine halbe Kopflänge überragte und sein Blick auf die Flasche Olivenöl auf dem kleinen Tischchen fiel. Das Letzte, was er vor Augen hatte, waren die weit aufgerissenen Augen seiner Mutter.

Draußen, auf der Fußgängerzone atmete Norbert tief durch. Er fühlte sich lebendig und vor allem frei. Befreit von einer Last. Er hatte es getan.

Sein Blick fiel auf den zweiten Stock, auf die Fenster der Wohnung, in der er bei seiner Mutter wohnte. Norbert spürte, wie seine Muskeln um den Mund herum zuckten. Er spürte, wie dieses Zucken immer übermächtiger wurde, bis er es schließlich nicht mehr halten konnte. Er brach in schallendes, unkontrolliertes Gelächter aus. Ein junges Paar, beide gepierced und tätowiert, schauten ihn an. Dann schauten auch sie zum 2. Stockwerk hoch und lachten laut los. Dort stand seine Mutter, an seinem Fenster. Das Gesicht und die Haare mit Torte beklebt, der Mund weit aufgerissen zum Meckern. Sie sah so lächerlich aus.

Mit einem Mal wusste er klar, was er zu tun hatte. Er ging zu seinem Kumpel Marvin. Er würde ihn fragen, ob er vorübergehend bei ihm wohnen könne. Norbert hatte nur die Flasche Olivenöl dabei. Mehr brauchte er nicht.