Mai 2014: Short story: For the rest of their lives – Kurzgeschichte: Bis an ihr Lebensende

Und hier ist die Mai-Kurzgeschichte. Taucht ab in die Welt von Samantha & Ken und nehmt dabei nicht alles so ernst.;-)

For the rest of their lives by Bettina Bonkas

Ken was holding her tight in his strong arms. She snuggled her head tenderly on his broad chest. He moved her gently away from him and looked down at her from his brown eyes: “Samantha, do you want to marry me and be my partner in good times as well as bad?”, he asked her. She looked up at him with tears in her eyes. He gently brushed a strand of hair out of her face, inhaling the scent of her silky, blonde hair. “Yes”, she whispered, “nothing better than that.” And they lived happily ever after.

 The writer Holly Meyers sat back with a satisfied sigh. The end! She had just finished her 10th book. She had created another dream couple with Samantha & Ken. Holly was proud of her ability to write a book every month. She knew that some people found her books kitschy, trashy even. But her readers loved her, nothing else mattered. Every month she received hundreds of letters. „Our president should take an example from your books. They stand for fidelity and order. Also our pupils would benefit from your books instead of reading that modern stuff. Then they could at least learn something. I‘ve got all your books. Your faithful reader, Evi Becker.“ Holly put the letter aside, smiling. If her ideas went on floating, she might even be able to publish 13 books this year. Her publisher would be pleased.

Busy with writing she had completely forgotten to eat. Holly ordered something from the Italian restaurant, opened a bottle of Montepulciano, enjoyed the delicious tagliatelle with truffle foam and had a mouth-watering parfait with chocolate truffle for dessert. It was too early to go to bed yet but after working so much and the exquisite meal she was overcome by tiredness. Or was it the wine? She would lie down on the couch and relax a bit.

Samantha looked reproachfully at Holly from her blue eyes. Hadn‘t she created Samantha with violet eyes, Holly wondered. Now they seemed to be steel-blue. „Why do I always have to play this stupid blonde? Do you actually know that I studied law? Instead I waste my time as a typist, asking my boss every hour if he‘d like some more coffee and if I can get him a cheese sandwich from the cafeteria. Did you miss that being a secretary is more challenging nowadays? Apart from that I don‘t feel like marrying that moron. His sixpack doesn‘t make up for the vacuum in his brain. I want you to rewrite my story and I want to have a say. Well, you could write the following lines …

Holly Meyer rubbed her eyes. She must have dreamed but then the voice came again: „Come on, start writing. I want to have my story told.“ … Holly looked tired but also happy at the pages she‘d just written. The two of them had a wonderful wedding. The morning after the wedding night, Ken was stroking Samantha‘s blonde hair affectionately, she said to him:“ I‘m thinking of having my hair cut short. Good morning by the way.“ Ken looked at her, flabbergasted. „It‘s time you fired your manager, sweetie.“ He looked at her indredulously. „Don‘t get distracted by my blonde façade. I‘m a smart cookie, darling.“ I‘m a lawyer and as such I‘m going to manage your career.“ His look changed into admiration. And that‘s how it came that she managed his career and Ken Taylor became a boxer who was famous wordwide not only for his achievements as a sportsman but also for his famous quote „I was born to love this woman.“ People loved his emotional side.

When his career was finished she started managing other sportsmen and -women and became the first legal mental coach in Germany. She founded a company, trained young people in this new area of business and was nominated Businesswoman of the Year for 10 years in succession. Later she went into politics, first as a Minister for Family Affairs then as a Minister of Defence. The army was like a big family so who else was better qualified than her whose family had grown to eight members in the meantime? Ken was devoted to his family, it was almost touching to see how lovingly he looked after their 6 children. The moron turned into a wonderful family man and husband. And no one asked Samantha how she managed her challenging job with 6 children. Times had changed.

 „See, it worked. That‘s what I call an end. I can help you with writing in the future“, Samantha said to Holly, smiling contentedly.

„That‘d be great“, Holly said and cuddled cosily in her pillow. Pleased with herself and the world she fell into a deep and sweet sleep. This time she didn‘t hear Samantha‘s voice.

 

Bis an ihr Lebensende von Bettina Bonkas

Ken hielt sie fest in seinen starken Armen. Sie schmiegte ihren Kopf zärtlich an seine breite Brust. Mit sanftem Druck schob er sie leicht von sich und schaute sie aus seinen rehbraunen Augen an: „Samantha, möchtest du meine Frau werden und mich in guten und schlechten Zeiten begleiten?“ Aus tränenbenetzten Augen schaute sie zu ihm hoch. Er strich ihr eine blonde Haarsträhne vorsichtig aus dem Gesicht. Dabei sog er den Duft ihrer seidigen Haare ein. „Ja“, hauchte sie, „nichts lieber als das.“ Und sie blieben sich treu bis an ihre Lebensende.

Zufrieden lehnte sich die Schriftstellerin Holly Meyers auf ihrem Stuhl zurück. Ende! Sie hatte gerade ihr 10. Buch beendet. Mit Samantha & Ken hatte sie wieder ein Traumpaar geschaffen. Holly war stolz darauf, dass sie jeden Monat ein Buch schrieb. Sie wusste, dass manche Leute ihre Bücher als Schund bezeichneten. Aber ihre Leser liebten sie und darauf kam es an. Wöchentlich bekam sie Hunderte von Leserbriefen. „An ihren Büchern sollte sich unser Bundespräsident ein Vorbild nehmen. Da herrscht wenigstens noch Ordnung und Treue. Am besten sollten unsere Schüler Ihre Bücher lesen statt dieses neumodischen Krams. Dann könnten sie noch etwas lernen. Ich habe alle Ihre Bücher. Ihre treue Leserin Evi Becker.“ Holly legte lächelnd den Brief beiseite. Wenn die Ideen weiterhin so flossen, könnte sie dieses Jahr sogar 13 Bücher veröffentlichen. Ihr Verleger würde sich freuen.

Vor lauter Schreiben hatte sie komplett vergessen, etwas zu essen. Holly ließ sich etwas vom Italiener kommen, öffnete sich eine Flasche Montepulciano, genoss die leckeren Tagliatelle mit Trüffelschaum und als Nachtisch ein sündhaft leckeres Schokoladen-Trüffel-Parfait. Es war noch etwas früh, sich ins Bett zu legen, aber nach dem langen Arbeiten und dem guten Essen wurde sie von Müdigkeit übermannt. Oder war es der Wein? Sie würde sich auf die Couch legen und ein wenig ausruhen.

Samantha schaute Holly aus ihren blauen Augen vorwurfsvoll an. Hatte sie ihre Augen nicht veilchenblau beschrieben, wunderte sich Holly? Sie wirkten jetzt stahlblau. „Immer muss ich dieses blonde Doofchen spielen. Weißt du eigentlich, dass ich Jura studiert habe? Stattdessen dümpel ich als Tippse herum und frage meinen Chef jede Stunde, ob er noch einen Kaffee möchte und ob ich ihm vielleicht ein belegtes Käsebrötchen aus der Cafeteria holen darf. Ist es an dir vorbeigegangen, dass der Sekretärinnenjob heutzutage anspruchsvoller ist? Außerdem habe ich keine Lust, diesen Trottel zu heiraten. Sein Sixpack macht sein Vakuum im Hirn nicht wett. Ich möchte, dass du die Geschichte umschreibst und dabei möchte ich ein Mitspracherecht haben. Also, Folgendes könntest du schreiben …

Holly Meyers rieb sich die Augen. Sie musste geträumt haben, aber da kam die Stimme schon wieder. „Los, schreib schon. Ich möchte meine Geschichte endlich erzählt haben.“…

Holly schaute müde, aber sehr zufrieden auf die Seiten, die sie eben geschrieben hatte.
Die beiden feierten eine prachtvolle Hochzeit. Am Morgen nach der Hochzeitsnacht streichelte Ken gerade zärtlich über Samanthas blonde Locken, als sie zu ihm sprach: „Ich bin am Überlegen, ob ich sie mir abschneiden lassen soll. Und guten Morgen.“ Ken schaute sie entsetzt an. „Es wird Zeit, dass du deinen Manager feuerst, mein Süßer.“ Er schaute sie ungläubig an. „Hinter meiner blonden Fassade befindet sich ein helles Köpfchen, mein Schatz.

Ich bin Juristin und als solche werde ich in Zukunft deine Karriere managen.“ Bewundernd schaute er sie an. Und so managte sie seine Karriere und aus Ken Taylor wurde ein weltberühmter Boxer. Er war aber nicht nur für seine sportlichen Leistungen bekannt, sondern auch für sein berühmtes Zitat: „Ich wurde geboren, diese Frau zu lieben.“ Die Leute liebten seine emotionale Seite.

Nach Beendigung seiner Karriere managte sie andere Sportler und wurde zum ersten juristischen Mentalcoach Deutschlands. Sie gründete eine Firma, bildete junge Leute in diesem neuen Berufszweig aus und wurde 10 Jahre in Folge zur Unternehmerin des Jahres gekürt. Später ging sie in die Politik, erst als Familienministerin, dann als Verteidigungsministerin. Die Bundeswehr war wie eine große Familie. Wer brachte da bessere Erfahrungen mit als sie mit ihrer mittlerweile 8-köpfigen Familie? Ken hielt ihr in all den Jahren den Rücken frei und kümmerte sich rührend um ihre 6 wunderbaren Kinder. Aus dem Trottel wurde ein toller Familienvater und Ehemann. Und niemand fragte Samantha, wie sie den anspruchsvollen Beruf mit der ganzen Kinderschar managte. Die Zeiten hatten sich geändert.

„Geht doch. Das nenne ich ein Ende. Ich kann dir auch in Zukunft wieder beim Schreiben helfen“, sagte Samantha zufrieden lächelnd zu Holly.

„Sehr gerne“, sagte Holly und kuschelte sich behaglich in ihr Kissen. Zufrieden mit sich und der Welt fiel sie sofort in einen tiefen und traumsüßen Schlaf. Dieses Mal hörte sie nicht die Stimme von Samantha.

 

 

April 2014: Short story: Seven long years – Kurzgeschichte: Sieben lange Jahre

Und hier die April-Kurzgeschichte. Food for thought.

Seven long years by Bettina Bonkas

She saw her lying on the pedestrian zone. The elderly lady must have fallen. Lea went to her quickly. “Can I help you?” she asked and touched her gently on her arm. The elderly lady smiled at her. “That is very kind of you, my dear, but I’ll be up on my feet very soon. Well, soon takes a bit longer at my age”, she added smiling. Lea took her arm gently but firmly and helped her cautiously get back to her feet. The elderly lady thanked her. Lea felt a spontaneous affection for her. Somehow she looked adorable with her white, curly hair peeking out from under her hat. She was wearing a dark knitted suit – her Barbie doll used to have those costumes, her sister had knitted them for her – and a fitting rectangular handbag. She had blue eyes, wonderful laugh lines and a beautiful smile even though it seemed a bit sad. “I’ll take you home”, Lea offered spontaneously. “That is very kind of you, my dear, but I feel fit on my old legs again”, she answered with a tired but friendly smile. Lea insisted on helping her and a little later she accompanied Mrs Rosenlieb, that was the elderly woman’s name, home. She lived in the old quarter of the town, only 15 minutes away on foot.” Well now, after the fall, it might take 20 minutes”.

Mrs. Rosenlieb began telling her story about the time shortly after the war, in Halle, where she had met her husband. “Hermann used to work as a clerk at the local district court. He was such a gentleman. He offered me a seat on the tram the first time we met”, she told her enthusiastically. “From then on we met every day on the tram: He, on his way to the local court, me, on my way to primary school where I used to work as a teacher. For one year we met every morning”, she told her and in her thoughts she seemed to be in Halle, in the year of 1946. “He courted me for half a year before we went out together for the first time.” “Your husband must have been pretty patient”, Lea remarked. “ In former times you took your time, my dear. You didn’t rush into things, especially not into an affair. That wouldn’t have been respectable. However, we met in that lovely little restaurant, where you could get home-style cooking. And do you know what I found out there? My future husband had a sweet tooth. Quarkkäulchen was his favourite dish. My mother made Quarkkäulchen when I introduced him to my parents. He tucked in so much”, the elderly lady giggled. “We got engaged one year later and shortly afterwards we celebrated our wedding. But on a small scale, there wasn’t much available so shortly after the war. My husband was very interested and engaged in politics. He wasn’t happy with the government in East Germany. On the other hand we had just had Oskar, our little son. My poor husband was torn between his responsibilities as a family man and his conscience. In the western sector they asked him for information about the happy workers’ and peasants’ state. The Iron Curtain went up and the West knew less and less about the dictatorial regime in the East. They persuaded him to travel to Hannover regularly where he told them about the conditions of the young GDR. And then it happened one day. They arrested him.” Her voice broke off. „You don’t have to go on if the memory is too painful”, Lea finally broke the silence. “No, no I’d like to go on”, the elderly woman replied. “All of a sudden he disappeared, just like that. For years that agonizing uncertainty. Oskar celebrated his first birthday, his second and finally his third and still we didn’t know where Hermann was. After four painful years of waiting we got at last the message that he was in prison. In the very same year Oskar and I fled to West Germany. We had to wait there for another three long years until, one day, Herman stood in front of me. Completely unexpected.

They had released all his friends earlier but he remained in prison.” Lea had been listening intently for the whole time. She was fascinated. “Thanks to Clement Attlee, a former Prime Minister of Great Britain, he was finally released. We hadn’t seen each other for seven long years. We had no money when we built up our life first in Hannover and later in Frankfurt. But it didn’t matter because we were united again. Of course, seven years imprisonment had left their marks. He hardly laughed and in the night he was tortured by nightmares. He didn’t talk about his time in prison. Only years later did I find out how terrible his imprisonment had been. The trial was in Russian, my husband didn’t understand a word. At first he was in solitary confinement with darkened windows and the light on all day. He didn’t know anymore if it was day or night. And he had to walk in his cell the whole time. When he sat down, they would hit him.” The elderly lady fell into silence, she looked affected. Lea didn’t break her silence. “Later he was in a cell with many other prisoners, some of them were detained for serious offences like murder. They shared one bucket for their call of nature. The smell was unbearable and they also suffered from a lack of adequate food. Many of his fellow prisoners suffered from nutrition-related deficiency symptoms later on in life. But there was to be a happy ending. We had another wonderful child, a daughter, and Herman became the personnel manager of the local district court in Frankfurt. After his retirement he started travelling Germany as a contemporary witness, giving lectures at schools, in front of soldiers and meeting famous politicians. My husband keeps saying: “Prison was my university.” Our president, Mr Gauck, sent him his best wishes for his recovery last year, written with a fountain pen”, she added. “We’ve come to our house. Thank you very much for bringing me home and listening to me.”

Lea was still feeling the effects of the story she had just listened to. “I guess, your husband is already waiting for you”, she finally said, still in thoughts. The elderly lady looked at her. “Yes, but not here anymore. He died last week.”

Sound recording:

Sieben lange Jahre von Bettina Bonkas

Sie sah sie auf der Fußgängerzone liegen. Die ältere Dame musste gestürzt sein. Schnell lief Lea zu ihr hin. „Kann ich Ihnen helfen?“, fragte sie sie und berührte dabei sanft ihren Arm. Die ältere Dame lächelte sie an. „Das ist sehr nett von Ihnen, junge Frau, aber ich bin gleich wieder auf den Beinen. Gleich dauert bei einer alten Frau natürlich etwas länger“, fügte sie noch hinzu und lächelte dabei. Lea nahm sie sanft, aber energisch am Arm und half ihr behutsam auf die Beine. Die ältere Dame bedankte sich. Lea verspürte eine spontane Zuneigung der Frau gegenüber. Irgendwie sah sie bezaubernd aus mit ihrem Hütchen unter denen die weißen Löckchen hervorlugten, dem dunklen Strickkostüm – ihre Barbie hatte so ein Kostüm, ihre Schwester hatte es für sie gestrickt – und der passenden, rechteckigen Handtasche. Sie hatte blaue Augen mit herrlichen Lachfalten und ein hübsches Lächeln, auch wenn es traurig wirkte. „Ich bringe Sie nach Hause“, bot Lea spontan an. „Ach, mein Kind, das ist sehr lieb gemeint, aber ich fühle mich schon wieder ganz fit auf meinen alten Beinen“, antwortete sie auf Leas Angebot und lächelte sie freundlich, aber müde an. Lea blieb hartnäckig und etwas später begleitete sie Frau Rosenlieb, so hieß die ältere Dame, nach Hause. Sie wohnte im Altstadtkern, nur 15 Minuten zu Fuß entfernt. Nun gut, jetzt, nach dem Sturz, vielleicht 20 Minuten.

Frau Rosenlieb fing an zu erzählen. Von der Zeit kurz nach dem Krieg, als sie ihren Mann in Halle kennen gelernt hatte. „Hermann arbeitete dort als Justizangestellter am Amtsgericht. Er war ein solcher Kavalier. Er hat mir gleich einen Sitzplatz in der Straßenbahn angeboten“, schwärmte sie. „Fortan sahen wir uns jeden Tag in der Bahn: Er auf dem Weg zum Amtsgericht, ich  auf dem Weg zur Grundschule, wo ich als Lehrerin arbeitete. Ein Jahr lang trafen wir uns jeden Morgen“, erzählte sie und schien dabei gedanklich in Halle im Jahr 1946 zu sein. „Er machte mir ein halbes Jahr lang den Hof, bevor ich das erste Mal mit ihm ausging.“ „Da hatte Ihr Mann ganz schön viel Geduld“, bemerkte Lea. „Früher hat man sich noch Zeit gelassen, meine Liebe. Da hat man die Dinge nicht überstürzt. Das hätte sich auch nicht gehört. Wie auch immer, wir trafen uns in dem reizenden kleinen Restaurant, in dem es heimische Küche gab. Und wissen Sie, was ich dort herausgefunden habe? Dass mein zukünftiger Mann ein echtes Schleck-mäulchen war. Quarkkäulchen waren sein Lieblingsgericht. Als ich ihn meinen Eltern vorstellte, machte meine Mutter Quarkkäulchen. Er hat so reingehauen“, kicherte die alte Dame in sich hinein.  „Ein Jahr später haben wir uns verlobt und kurze Zeit danach feierten wir Hochzeit. Aber im ganz kleinen Rahmen. Es gab ja nicht viel so kurz nach dem Krieg. Mein Mann war politisch sehr interessiert und auch aktiv. Er war nicht glücklich mit der Regierung im Osten Deutschlands. Auf der anderen Seite hatten wir gerade Oskar, unseren kleinen Sohn bekommen. Der arme Kerl war hin- und hergerissen zwischen seiner Verantwortung als Familienvater und seinem Gewissen. Im Westen baten sie ihn um Informationen aus dem angeblich so glücklichen Arbeiter- und Bauernstaat. Der Eiserne Vorhang hatte sich niedergelegt und der Westen wusste immer weniger über die diktatorischen Verhältnisse bei uns im Osten. Sie überredeten ihn zu Fahrten nach  Hannover, wo er über die Zustände der noch jungen DDR berichtete. Na, und dann passierte es eines Tages. Sie verhafteten ihn.“ Ihre Stimme brach ab. „Sie müssen nicht weiter erzählen, wenn die Erinnerung zu quälend ist“, brach Lea schließlich die Stille. „Nein, ich möchte es erzählen“, fuhr die ältere Dame fort. „Er war plötzlich verschwunden, einfach verschwunden. Jahrelang diese quälende Ungewissheit. Oskar feierte seinen ersten Geburtstag, seinen zweiten und schließlich seinen dritten und wir wussten immer noch nicht, was mit Hermann war. Nach vier quälenden Jahren erhielten wir endlich eine Nachricht, dass er in Bautzen einsaß. Noch im selben Jahr floh ich mit Oskar in den Westen. Dort musste ich noch drei lang Jahre warten, bis Hermann eines Tages vor mir stand. Völlig unerwartet. Seine Freunde hatten sie früher entlassen, aber er saß noch immer ein.“ Lea hörte die ganze Zeit aufmerksam zu. Sie war fasziniert. „Er hatte seine Entlassung dem früheren britischen Premierminister, Clement Attlee, zu verdanken. Sieben lange Jahre hatten wir uns nicht gesehen. Wir hatten kein Geld, als wir uns erst in Hannover und schließlich in Frankfurt eine Existenz aufbauten. Aber das machte nichts, denn wir hatten uns endlich wieder. Aber die sieben Jahre Gefängnis hatten natürlich Spuren hinterlassen. Er lachte kaum noch und nachts quälten ihn Albträume. Er redete nicht über die Zeit. Erst viel später habe ich herausgefunden, wie grauenhaft die Gefangenschaft war. Die Gerichtsverhandlung war auf Russisch. Mein Mann verstand kein Wort. Am Anfang Einzelhaft mit verdunkeltem Fenster sowie Tag und Nacht Licht an. Er wusste nicht mehr, ob es Tag oder Nacht war. Und er musste den ganzen Tag in seiner Zelle gehen. Wenn er sich setzte, haben sie ihn geschlagen.“ Die alte Dame schwieg betroffen. Lea schwieg mit ihr. „Später war er mit vielen anderen Gefangenen in einer Zelle. Manche von ihnen saßen ein für schwere Straftaten wie Mord. Sie teilten sich einen Eimer für ihre Notdurft. Der Gestank war unerträglich und auch die Ernährung war unzureichend. Viele seiner Mitgefangenen litten später noch an Mangelerscheinungen. Aber es gab ein glückliches Ende. Wir bekamen  noch eine wunderbare Tochter, Hermann wurde Personalchef beim Amtsgericht und nach der Pensionierung bereist er Deutschland als Zeitzeuge, hält Vorträge an Schulen und vor Soldaten und trifft bekannte Politiker.  Mein Mann sagt immer: „Das Gefängnis war meine Universität.“ Unser Präsident, Herr Gauck, hat ihm letztes Jahr einen netten Genesungsbrief geschickt, sogar mit Füller geschrieben“, fügte sie hinzu. „So, jetzt sind wir bei uns zu Hause. Vielen Dank fürs Begleiten und Zuhören.“

Lea war noch ganz beeindruckt von der Geschichte, die sie eben gehört hatte. „Ihr Mann wartet bestimmt schon auf sie“, brach sie schließlich hervor. Die alte Dame sah sie an. „Ja, aber nicht mehr hier. Er ist letzte Woche gestorben.“

Soundaufnahme:

März 2014: Short story: Not with me – Kurzgeschichte: Nicht mit mir

Hier die Kurzgeschichte für März. Viel Spaß beim Lesen! 🙂

Not with me by Bettina Bonkas

The alarm clock rang. Eve always got up straight away. She hated staying in bed in the morning. She had her morning ritual: First a shower, then breakfast, brushing her teeth – always after breakfast! – and finally getting dressed. There was also a clear line to be found in her clothing: outfits in blue, outfits in grey, subtle striped outfits. She worked for a consulting company, they had a dress code. Just not getting any attention was her motto. She once attended a meeting where a consultant took his colleague’s jacket by mistake. “They all look the same”, he said smiling. She had to smile too because he was right. But then she saw his white socks. White socks with a dark suit! She froze. There was a dress code for socks too. But he would certainly learn about that.

She took the 8.25-train to Frankfurt. She wanted to be at work at the latest by 9 o’clock. She was working at a bank at the moment, in accounting to be more precise. Mr Friese worked in accounting too. He had worked there for 30 years, since finishing his apprenticeship. He always wore a checked flannel shirt and a cotton v-neck jumper on top when it was cold. Most of the time he wore a pair of dark brown cords and sometimes, when he was in a meeting, a pair of dark pleated trousers. Mr Friese was tall, slim for his age and he had greying dark hair. “A healthy mind in a healthy body”, his Grandma used to say, he once told her. So he went hiking at the weekend and usually took his kids, 6 and 9 years old, with him.

Mr Friese seemed to trust her. When his work permitted  and he was very diligent about his work, he told her about his family. Sometimes he even brought her some biscuits. His wife, a small, stout woman in her mid-forties with red cheeks had baked again. Eve knew her from photos. Mr Friese had two photos on his desk: One of his family and one only of his wife together with their two children. When it was baking day, he always gave Eve some biscuits. His wife baked on a Thursday, a little treat for the last day of the week. She always baked butter biscuits, not those fancy biscuits with chocolate sprinkles on top.

The family always spent their holidays in Bavaria. He had relatives there and he felt altogether more at home in Bavaria with its landscape and structure than in Hessen. “They are firm with foreigners. Hessen is completely overrun. It’s terrible what I see every day at the central railway station”, Mr Friese looked disgusted. He had to look after his elderly parents so, of course, it was unrealistic even to think of moving there. However they always looked forward to their holidays in Bavaria with the high mountains, the Bavarian sense for comfort and rich tradition and, of course, the fresh air.

Her consulting colleagues took pleasure in poking fun at Mr Friese. When they had lunch together, they always made fun of her: “Are you eating less because it was baking day yesterday?” Or they talked directly about him: “I’m sure he sends his kids on a Bavarian course. Why learn English when you can do with Bavarian?” and they burst out laughing. They also mocked his plodding way of talking. Some of them seemed so complacent. Even though Eva found Mr Friese disconcerting at times, she felt like defending him against her colleagues’ malice. She once even tried but then they only asked her if they had mixed something into her biscuits and went on gossiping about him before they moved on talking about their diving holidays in the Maldives and their Sky Diving experiences.

One of the consultants did not talk ill of Mr Friese. Jeffrey Galway their colleague from the United States. “Stop it! We treat our clients respectfully. It doesn’t mean that we have to like them but respect is a must!” When he was angry he spoke with a strong American accent. But his voice accepted no contradiction. And no one did contradict him. Eva was surprised at his authority and also a bit jealous. The consultants went on talking about their holidays and their leisure activities and Mr Friese was soon forgotten.

It was only a question of time before his name came up again. This time for professional reasons. “He is very reliable, no doubt about that”, his supervisor would say. “But nowadays it takes more than that. He lacks flexibility and entrepreneurship.” So it didn’t come as a surprise when the company decided to make him redundant.

Did he know about it? She looked for traces in his face and was distracted from his hands. He had taken a handgun out of his briefcase. Somewhere in the back of her mind she remembered he had once mentioned a shooting club.

“I’ve been doing my job properly for more than 30 years and then those snobby consultants and that darky come and take away everything I have been working for. Everything!” he said and shot.

Jeffrey Galway was a consultant and he was black.

 

Nicht mit mir von Bettina Bonkas

Der Wecker klingelte. Eva stand immer sofort auf. Sie hasste es, morgens im Bett liegen zu bleiben. Sie hatte ihr morgendliches Ritual: Erst duschen, dann frühstücken, Zähne putzen – immer nach dem Frühstück! – und schließlich anziehen. Auch ihre Kleidung hatte eine klare Linie: Kostüme in blau, Kostüme in grau, Kostüme dezent gestreift. Sie arbeitete bei einer Unternehmensberatung, da gab es einen Dresscode. Bloß nicht auffallen, war ihre Devise. Bei einem Meeting griff ein Berater versehentlich nach dem Jackett eines Kollegens. „Sehen alle gleich aus“, sagte er mit einem Grinsen auf den Lippen. Sie musste auch lächeln, weil es stimmte. Aber dann sah sie seine weißen Strümpfe. Weiße Strümpfe mit einem dunklen Anzug. Sie erstarrte. Auch für die Strümpfe gab es einen Dresscode. Aber das würde er sicherlich noch lernen.

Sie nahm die Bahn um 8:25 Uhr nach Frankfurt. Sie wollte spätestens um 9:00 Uhr in der Bank sein, in der sie zur Zeit eingesetzt war. Ihr Einsatzgebiet war in der Buchhaltung. Dort arbeitete auch Herr Friese. Herr Friese war schon seit 30 Jahren in der Bank tätig, seit seiner Lehre. Und er arbeitete schon seit 30 Jahren in der Buchhaltung.  Er trug immer ein kariertes Flanellhemd und wenn es kälter war einen Baumwollpullover mit V-Ausschnitt drüber. Meistens trug er eine dunkelbraune Cordhose dazu, manchmal, wenn Besprechungen anstanden, eine dunkle Buntfaltenhose. Herr Friese war groß, für sein Alter noch sehr schlank und hatte angegraute dunkle Haare. „In einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist“, pflegte seine Großmutter immer zu sagen, hatte er ihr einmal erzählt. Deswegen ging er am Wochenende wandern. Seine zwei Kinder, 6 und 9 Jahre, nahm er meistens mit.

Herr Friese schien Vertrauen zu ihr zu haben. Wenn die Arbeit es zuließ, und da war er sehr genau, erzählte er ihr von seiner Familie. Manchmal brachte er auch Kekse mit. Seine Frau, eine kleine mollige Mittvierzigerin mit roten Wangen und braunen Augen, hatte wieder gebacken. Eva kannte sie von Fotos. Herr Friese hatte zwei Fotos auf seinem Schreibtisch stehen: Eins von seiner ganzen Familie und eins nur von seiner Frau mit den beiden Kindern. Wenn seine Frau gebacken hatte, gab er Eva immer ein paar Kekse. Seine Frau backte donnerstags, ein kleines „Leckerli“ für den letzten Tag in der Woche. Und sie backte immer Butterkekse, nicht so einen „Schnickschnack mit Schokostreuseln drauf“.

Ihren Urlaub verbrachten die Frieses in Bayern. Er hatte dort Verwandte und überhaupt, sagte ihm Bayern mit seiner Landschaft und Struktur mehr zu als Hessen. „In Bayern gehen sie konsequent mit Ausländern um. Hessen ist ja total überlaufen. Schlimm, was ich da so am Hauptbahnhof täglich sehe“, empörte sich Herr Friese. Aber er musste seine älteren Eltern betreuen, da dachten sie natürlich nicht an Umzug. Und so freuten sie sich jedes Jahr auf ihren Urlaub in Bayern mit den hohen Bergen, der bayerischen Gemütlichkeit und der guten frischen Luft.

Ihre Beraterkollegen  machten sich über Herrn Friese lustig. Wenn sie gemeinsam zu Mittag aßen, zogen sie Eva auf: „Na, isst du heute wieder weniger, weil gestern Backtag war?“ Oder sie zogen direkt über ihn her: „Bestimmt schickt er seine Kinder zu einem Bayerischkurs. Wozu Englisch lernen, wenn’s auch mit Bayerisch geht?“ und sie brachen in Gelächter aus. Sie machten auch seinen behäbigen Tonfall nach. Manche von ihnen wirkten so selbstgefällig. Auch wenn Eva Herrn Friese selbst mitunter recht befremdlich fand, verspürte sie doch den Wunsch, ihn gegen die Bosheiten ihrer Kollegen zu verteidigen. Einmal hatte sie es versucht, aber dann musste sie sich anhören, dass „sie ihr wohl etwas in die Kekse gemixt hätten“  und sie zogen weiter über Herrn Friese her, bevor sie zu ihren Tauchurlauben auf den Malediven oder ihre Sky Diving Erlebnisse übergingen. Einer der Berater zog nicht über Herrn Friese her. Jeffrey Galway, ihr Kollege aus Amerika. „Hört auf! Wir behandeln unsere Kunden respektvoll. Das heißt nicht, dass wir sie mögen müssen, aber Respekt muss sein!“ Wenn ihn etwas ärgerte, kam sein amerikanischer Akzent voll durch. Aber seiner Stimme war anzuhören, dass er  keinen Widerspruch duldete. Und keiner widersprach. Sie staunte über seine Autorität und war auch ein klein wenig neidisch. Die Berater sprachen wieder über ihre Urlaube und Freizeitaktivitäten und Herr Friese war im nächsten Moment vergessen.

Es war unweigerlich, dass er wieder Thema sein würde. Dieses Mal aus beruflichen Gründen. „Er ist ein zuverlässiger Arbeiter“, so seine Vorgesetzten. „Aber heutzutage bedarf es mehr. Es mangelt ihm an Flexibilität und Unternehmergeist.“ Es war nicht verwunderlich, dass die Firma sich von ihm trennen wollte.

Ob er es ahnte? Sie suchte in seinem Gesicht nach  Spuren und war abgelenkt von seinen Händen. Aus seiner Aktentasche hatte er eine Waffe geholt. Irgendwo im Hinterkopf kam die Erinnerung an den Schießverein hoch, den er einmal erwähnt hatte. „Da macht man über 30 Jahre lang ordentlich seine Arbeit und dann kommen solche schnöseligen Beratertypen und Bimbos und nehmen einen einfach alles weg! Alles weg!“, sagte er und schoss.

Jeffrey Galway war Berater und er war schwarz.

 

 

 

Februar 2014: Short story: It was worth a try – Kurzgeschichte: Dumm gelaufen

Liebe Teilnehmer & Interessenten,
vielleicht haben sich einige vom Januar-Beitrag “Die Sache mit den guten Vorsätzen” inspirieren lassen und sind dabei,  ihre Sprachkenntnisse auf vielfältige Weise zu trainieren.
Wir helfen euch/Ihnen gerne dabei. Besonders beim Lesen. Ab sofort veröffentlichen wir jeden Monat eine Kurzgeschichte auf Englisch & Deutsch. Unsere Kolleginnen Chantal & Carolina werden die Französisch-, Spanisch- und Italienischliebhaber mit interessantem Material versorgen.
Ein Tipp: Der Mann einer Teilnehmerin hat sich die Geschichten auf sein Handy geladen, fürs “Lesen zwischendurch”.
Viel Spaß beim Lesen & Lernen!

It was worth a try  by Bettina Bonkas

She lit her cigarette and took long drags. Oh man, how she was enjoying it. Her husband had never allowed her to smoke. Now, he was lying at her feet. She had just poisoned him with Colchizin. She had made him a chocolate protein drink in order to mask the bitter taste. It had worked well. He writhed and twisted and looked at her with big eyes.  Somehow surprised, as if he wanted to say something. It was too late. She had coped with him for 40 years. 40 long damn years. It was over now. She had helped him for 39 years in his stupid pharmacy. 39 years of checking drugs, pricing them and putting them onto the correct shelves. Whilst doing her job she had always looked over his shoulder when he worked. Fortunately!

She sat next to him on the floor to tell him everything. Now he would have to listen to her. She told him about Günther. How they would stand together and smoke a cigarette when he came to deliver the drugs. She always had a piece of chewing gum afterwards to mask the smell. Horst was way too busy with his pharmacies. He never noticed anything not even when she generated some money. She wanted to be pretty for Günther. She went to the hairdresser, every month to the nail studio and she didn’t buy her clothes at kik anymore but drove to Bad Homburg to do some shopping. Did he notice? Horst only grunted. With Günther she felt like a woman. Horst thought that she was doing an English course at the local college but she met Günther instead. He took her to the pub where he met his friends every week. She felt at ease with them. They had a few pints together, she usually had one or two glasses of wine and they had lots of fun. She could have a good laugh with them. In the carnival season they went dressed up into their pub and sang together. No way could she do that with Horst. “I had so much fun with them, something I never had with you in 40 years”, she spat at him. Had she just seen a smile on his lips? She must be mistaken.

She always gave Günther some money. He didn’t earn a lot as a driver, he remarked from time to time. It was only natural that she paid for them in the pub. Sometimes for his friends too. Günther was then always very proud of his rich girlfriend. “That was the only advantage about you”, she smirked. “At least I had no money problems. It was fun giving Günther some money from time to time. He was worth it”, she said justifying her behaviour.

Günter gave her the idea. „Hey, you know the stuff you sell in your pharmacies, don’t you?” “Yeah”, she replied. “Can’t you do anything about Horst? It’s no life with him.“ He was right. „Would be better to meet whenever we want. You like my mates, don’t you? You fit in well, that’s what we all think.” “They think that I fit in well”, she said to Horst. “Should I give up everything just because of you? I had to find a solution. Separation? No way. The new divorce law is completely stupid. Karin got no money. That wouldn’t have been fair on me. Not after 40 years with you. Günther’s idea came in handy. I had always looked over your shoulder. Didn’t notice, did you?” Edith started to giggle.

Later she would tell her daughter what had happened to Daddy. She needed some rest first. She would probably help her get rid of the body. He had never let her play with Barbie dolls. That left an imprint.

The door bell rang. She opened the door and was surprised to see two policemen. “Good evening. Are you Mrs Hubelreuter?” She nodded. „We’d like to speak to your husband“, the smaller one of the two policemen said. How the hell did they know …. Then it dawned on her. Horst had never trusted the emergency system in the pharmacies. He had always had his mobile phone with him and the number of the police programmed. Now she understood his smile. She hadn’t imagined it.

 

Dumm gelaufen von Bettina Bonkas

Genüsslich zog Erika an ihrer Zigarette. Mann, wie sie diese Zigarette genoss. Ihr Mann hatte ihr immer verboten zu rauchen. Jetzt lag er zu ihren Füßen. Sie hatte ihn gerade vergiftet mit Colchizin. Sie hatte ihm einen Schoko-Proteindrunk gemacht, um den Geschmack des Giftes zu überdecken. Hatte gut geklappt. Er wand sich und sah sie mit großen Augen an. Irgendwie erstaunt und als wollte er ihr etwas sagen. War jetzt auch zu spät. 40 Jahre lang hatte sie es mit ihm ausgehalten. 40 verdammte, lange Jahre. Jetzt war endlich Schluss. Sie hatte ihm 39 Jahre lang in seiner blöden Apotheke  geholfen. 39 Jahre lang hatte sie für ihn Arzneimittel kontrolliert, ausgezeichnet und in die Regale einsortiert. Dabei hatte sie Horst immer wieder über die Schulter geschaut. Zum Glück!

Sie setzte sich zu ihm runter, um ihm alles genau zu erzählen. Jetzt würde er ihr endlich zuhören müssen. Mit Günther, wenn er die Ware anlieferte, hatte sie immer eine Zigarette geraucht und danach einen Kaugummi gekaut für den Minzgeschmack. Horst war ja viel zu beschäftigt mit seinen Apotheken. Nichts hatte er mitbekommen, auch nicht als sie immer wieder etwas Geld abzweigte. Hübsch wollte sie sich machen für Günther. Öfters mal zum Frisör, jeden Monat zum Nagelstudio und die Kleider kaufte sie nicht mehr beim kik, sondern fuhr auch mal nach Bad Homburg shoppen. War ihm denn nichts aufge-fallen? Horst röchelte nur. Neben dem Günther, da fühlte sie sich wie eine Frau. Wenn Horst dachte, dass sie abends bei der Volkshochschule einen Englischkurs machte, traf sie sich mit Günther. Er nahm sie mit in die Gaststätte, wo er wöchentlich seine Freunde traf. Das waren Leute, bei denen sie sich wohl fühlte. Sie tranken ihr Bierchen zusammen, sie meistens ein oder zwei Gläser Wein und hatten ihren Spaß. Mit ihnen konnte sie lachen. In der Faschingszeit kamen alle verkleidet in die Gaststätte und sangen zusammen Lieder. Mit Horst wäre das undenkbar gewesen. „Mit denen hatte ich so viel Spaß in ein paar Wochen wie mit dir in 40 Jahren nicht“, schmetterte sie ihm an den Kopf. Hatte sie gerade ein Lächeln auf seinen Lippen gesehen? Sie musste sich geirrt haben.

Sie gab Günther auch immer wieder etwas Geld. Als Fahrer verdiente man nicht viel, bemerkte er immer wieder mal nebenbei. Es war selbstverständlich, dass sie in der Gaststätte für sie beide bezahlte. Manchmal lud sie auch seine Freunde ein. Günther war dann immer stolz auf seine reiche Freundin. „Das war der einzige Vorteil an dir“, lachte sie hämisch. „Wenigstens hatte ich keine Geldsorgen. Hat Spaß gemacht, Günther ein bisschen was zuzustecken. Er hatte es auch verdient“, rechtfertigte sie ihr Verhalten.

Günther hatte sie auf die Idee gebracht. „Du sag mal“, hatte er zu ihr gesagt. „Du kennst dich doch mit den Sachen aus, die ihr in der Apotheke verkauft, oder?“ „Ja“, hatte sie geantwortet. „Kann man da nicht was mit dem Horst machen? Ist doch kein Leben so.“ Stimmte eigentlich. „Wäre doch viel schöner, wenn wir uns immer treffen könnten. Du magst meine Kumpel doch auch, oder? Passt auch gut dazu. Finden alle.“ „Die finden, dass ich gut zu ihnen passe“, sagte sie zu Horst. „Sollte ich das alles aufgeben, nur wegen dir? War doch klar, dass ich eine Lösung finden musste. Trennung wäre nicht in Frage gekommen. Das neue blöde Scheidungsrecht. Die Karin ging voll leer aus. Das wäre nicht fair gewesen. Nicht   nach 40 Jahren Ehe mit dir. Da kam die Idee vom Günther richtig gut. Ich hatte dir ja immer über die Schulter geschaut. Hattest du wohl nicht gemerkt.“ Und Erika kicherte vor sich hin.

Später würde sie ihrer Tochter erzählen, was mit Papa geschehen war. Jetzt wollte sie sich erst einmal ausruhen. Vermutlich würde sie ihr sogar helfen, die Leiche zu entsorgen. Er hatte sie früher nie mit Barbies spielen lassen. So etwas prägte.

Es klingelte an der Tür. Sie öffnete und war erstaunt, zwei Polizisten zu sehen. „Guten Abend. Sind Sie Frau Hubelreuter?“ Sie nickte. „Wir möchten bitte Ihren Mann sprechen“, sagte der kleinere der beiden Polizeibeamten. Woher wussten sie … Und dann fiel es ihr ein. Horst hatte nie dem Notfallsystem in den Apotheken vertraut. Er trug immer sein Handy mit sich und hatte die Nummer der Polizei einprogrammiert. Deswegen sein Lächeln. Sie hatte es sich nicht eingebildet.